Sächsische Zeitung | 09. Jun 2015

„Ein enormes Stück Arbeit, den Frauenfußball weiter zu beleben“

Der sechste Platz in der Regionalliga deutet die Potenziale des 1. FFC Fortuna Dresden an. Trainer Andreas Pach fordert mehr Basisnähe von regionalen Verbänden ein.

Von Alexander Hiller

Eigentlich alles wie immer. Die Fußballerinnen des 1. FFC Fortuna Dresden landeten in der Regionalliga Nordost im Endklassement auf Rang sechs. Wie in den letzten beiden Spielzeiten zuvor. Mit einer 1:2-Heimniederlage (1:1) am letzten Spieltag gegen den SV Eintracht Leipzig-Süd rutschten die Schützlinge von Trainer Andreas Pach noch um einen Rang ab.

Trotz dieser scheinbaren Leistungs-Stagnation sieht der Coach seine Mannschaft und den Verein auf einem guten Weg, der zumindest gefühlt leicht nach oben führt. Einige Statistiken sprechen dafür. Die Fortuna-Frauen sind mit sieben Unentschieden an 20 Spieltagen die Remis-Königinnen der Liga. Da ist also noch genügend Potenzial nach oben. Zudem gehört die Dresdner Hintermannschaft mit nur 21 Gegentreffern zu den vier stabilsten Abwehrreihen der Regionalliga Nordost. Nur Meister Blau-weiß Hohen Neuendorf (18), Vizemeister FF USV Jena II (16) und Viktoria Berlin (18) kassierten noch weniger Tore. Kein Wunder, dass Andreas Pach auf die Frage nach seiner Spielerin der Saison zwei Verteidigerinnen nennt. „Julia Schuster und Doreen Gloge“, sagt der Trainer.

Der Angriff bleibt Achillesferse

Die erst 17-jährige Julia Schuster – aus der eigenen B-Jugend in den Kader gestoßen – und ihre 30-jährige Kollegin absolvierten alle 20 Partien für den höchstklassig spielenden Dresdner Frauenfußballverein. Der Blick auf die Torstatistik zeigt zugleich die Achillesferse des Fortuna-Teams auf. Nur 34 Treffer erzielten die Sächsinnen selbst. Das ist zwar der fünftbeste Wert der Liga, dennoch liegt hier die größte Reserve. Fortuna beste Torschützin Luca Swantje Oldenburg erzielte am Sonntag gegen Leipzig ihren siebenten Saisontreffer. Torschützenkönigin Carolin-Sophie Härling (Eintracht Leipzig-Süd) schraubte ihr Trefferkonto mit dem 1:0-Führungstor in Dresden indes auf stattliche 18 Treffer.

In puncto Personalien wird es Veränderungen geben. Mittelfeldregisseurin Diana Böhme (31) und Marie Lehmann (30) werden nicht mehr zum künftigen Drittliga-Kader gehören. Aus den vereinseigenen B-Juniorinnen rutschen indes sieben Spielerinnen nach oben, ob in die Regionalliga- oder die zweite Frauen-Mannschaft (Landesliga) wird sich erst in der Vorbereitung herausstellen, die am 27. Juli beginnt. „Ob Spielerinnen von außerhalb dazustoßen, kann ich noch nicht sagen“, sagte Andreas Pach. Franziska Möttig wäre eine solche Kandidatin. Fortuna buhlt schon länger um die 22-jährige Ex-Dresdnerin. Die ehemalige Zweitliga-Spielerin (27 Einsätze für Lok Leipzig) stand in der aktuellen Saison zwar im Kader von Leipzig-Süd, wurde aber nur in drei Partien eingesetzt. Möttig studiert in Dresden Medizin. Ob sich das zeitlich mit einem Comeback bei Fortuna verbinden lässt, ließ sie gestern offen. Die in Goppeln geborene Linksfüßerin war 2009 von Dresden nach Leipzig gewechselt. Eventuell kehrt auch Ex-Kapitän Juliana Franke nach beendetem Praktikum in Frankfurt/M. zurück. Unterdessen bestätigte Marketing-Chef Sven Lehmann, dass alle Sponsoren ihr Engagement in der kommenden Spielzeit fortsetzen wollen.

Auch sonst schiebt der Klub einige Neuerungen an. Es gibt – leider erst seit dem letzten Spieltag – Autogrammkarten der Drittliga-Kickerinnen. Möglich wurde das durch eine Zusammenarbeit mit der Fotografin und Grafik-Designerin Amelie Jehmlich.

Dass die in Kanada gerade angelaufene Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen Ausstrahlung auf regionale Vereine haben könne, glaubt Pach nicht. „Frauenfußball hat hier nicht den Stellenwert wie in den USA oder einigen skandinavischen Ländern“, sagt Andreas Pach. „Wir hatten die Chance, als die U-20-Weltmeisterschaft 2010 und ein Jahr später die Fifa-WM der Frauen hier in Dresden zu Gast war. Davon ist nicht viel übriggeblieben. Es ist ein enormes Stück Arbeit, den Frauenfußball weiter zu beleben“, sagt der Fortuna-Trainer.

Rücktritt als Sportrichter

Angesichts der FIFA-Skandale mahnt der 44-Jährige auch regionale Verbände zu mehr Basisnähe an. „Der Stadt-, aber auch der Sächsische Fußball-Verband muss wieder zurückkehren zur eigentlichen Aufgabe der Ehrenamtler. Nämlich, für die Vereine da zu sein“, sagt Pach. „Momentan ist das Denkverhalten umgekehrt: Dass die Vereine für die Verbände da sind. Da muss ich sagen: Vorsicht, so geht es nicht.“ Seine Kritik macht der Fußballlehrer an einem fast schon skurrilen Vorgang fest. Seine Mittelfeldspielerin Linda Ottlinger – im Stadtverband ehrenamtlich als Kreisauswahl-Trainerin der D-Juniorinnen tätig – hatte öffentlich die Rahmenbedingungen im Mädchen- und Frauenfußball kritisiert. Danach – so erzählt es Pach – sei die 23-Jährige verbandsintern „zusammengefaltet“ worden. „Sie stand weinend vor mir.“ Das sei auch einer der Gründe, weshalb Pach nach fast 20 Jahren nun im Sommer seine (ehrenamtliche) Tätigkeit als Sportrichter im Stadtfußball-Verband Dresden aufgibt.

Quelle: sz-online.de (Sächsische Zeitung, 09.06.2015)

 

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